Mycel: Pilze als perfekter Baustoff?

2. März 2022

Von wegen Pilzbefall: Die Londoner Firma Biohm stellt aus Pilzen Dämmstoff her, der gesünder, leistungsstärker und nachhaltiger kaum sein könnte.

Wenn die beiden Begriffe Gebäude und Pilz in einem Satz genannt werden, geht es in der Regel um Unerwünschtes, nämlich Schimmel. Dass es mittlerweile auch Produkte aus Pilzen gibt, die vermutlich zu den gesündesten und zugleich leistungsstärksten Baustoffen zählen, erwartet vermutlich kaum jemand. Die Londoner Firma Biohm scheint jedoch genau das entwickelt zu haben: ein Isoliermaterial aus Mycel, also der Gesamtheit der Hyphen (fadenförmigen Zellen) eines Pilzes. Dieses ist den Herstellerangaben nach nicht nur zu 100 Prozent regenerativ, sondern übertrifft in seinen bauphysikalischen Eigenschaften sogar die leistungsfähigsten synthetischen Baustoffe.

Starke Dämmung von Wärme und Schall

Biohm lässt sein Mycel mithilfe landwirtschaftlicher Nebenprodukte wachsen, die andernfalls lediglich als Müll entsorgt würden, und bindet dabei zugleich den darin enthaltenen Kohlenstoffdioxid. Im derzeitigen Produktionsprozess des Unternehmens werden nach eigener Aussage mindestens 16 Tonnen CO2 pro Monat gespeichert. Das aus Bioabfall gewachsene Mycel besitzt derzeit bereits eine geringere, also bessere Wärmeleitfähigkeit (0.024 W/mK) als expandiertes (EPS) und extrudiertes Polystyrol (XPS) und soll künftig noch leistungsfähiger werden.

Gleichzeitig ist das Mycel sicherer und gesünder, da es im Brandfall weder giftige Gase noch eine schnelle Ausbreitung der Flammen verursacht. Sowohl die durchschnittliche als auch die maximale Wärmeabgabe soll bei dem flammhemmenden Naturbaustoff wesentlich geringer als bei synthetischen Materialien sein. Ähnlich wie bei Holz karbonisiert die obere Schicht und schützt so den Rest des Materials vor weiteren Verbrennungen. Auch als akustische Isolierung soll sich das Mycel hervorragend eignen. So wird beispielsweise Schall im Bereich von 1.000 Hz – wozu etwa der typische Verkehrslärm zählt – zu 75 Prozent absorbiert.

Am Ende wird kompostiert

Je nach Zusammensetzung des Abfalls, aus dem das Mycel gezüchtet wird, lassen sich unterschiedliche Performance-Werte erzielen. Wer sich übrigens um die Luftqualität beim Einsatz der Pilzplatten sorgt, weil der Gedanke an Schimmel weiter mitschwingt, kann erleichtert aufatmen: Der Baustoff ist diffusionsoffen und verfügt über hervorragende Werte (A+ nach französischer Skala) hinsichtlich flüchtiger organischer Verbindungen (VOC). Das Material ist laut Biohm zudem mindestens so langlebig wie andere Dämmstoffe und behält seine Dämmeigenschaften über seine gesamte Lebensdauer bei. Am Ende des Mycellebens schließt sich auf natürliche Weise der Kreis: Die Platten werden dann ganz einfach kompostiert.

Nachhaltige Multilösung

Auch wenn die Entdeckung als genialer Dämmstoff für die Baubranche neu erscheinen mag, ist Biohm doch nicht die einzige Firma, die das selbstwachsende Material für sich entdeckt hat. So stellt beispielsweise das US-Unternehmen Ecovative Design aus Mycel etwa vegane regenerative Alternativen für so unterschiedliche Dinge wie Verpackungen, Lederwaren oder Speck her. In dieser Vielseitigkeit offenbaren sich Pilze als nachhaltige Multilösung für CO2-Emissionen, Verpackungsmüll und unnötiges Tierleid. An weiteren Anwendungen im Baubereich forscht momentan mitunter das KIT Karlsruhe. Mycelien werden also bestimmt noch häufiger von sich hören machen.


 

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