Tore in andere Welten: Moderne Verkehrsbauten zwischen Funktionalität und Ästhetik

24. Mai 2018

Verkehrsbauten wie Busbahnhöfe, Flughäfen und Parkhäuser sind Durchgangsorte – Menschen verweilen dort nur wenige Minuten oder Stunden. Sie gelten daher als mono-funktional genutzte Flächen im städtischen und ländlichen Raum mit einer oftmals ungemütlichen Atmosphäre. Einige beeindruckende Architekturprojekte der jüngeren Vergangenheit zeigen jedoch, dass Funktionalität und Ästhetik sehr wohl zusammenspielen können. Die neu errichteten Bauwerke kommen mit einem anderen Image daher: Sie agieren als komfortable Aufenthaltsorte und repräsentative Eingangstore zu Regionen und Städten.

 

Verkehrsbauten_Portal-Chruwalden_201804

© Ritter Schumacher

 

Moderne Busbahnhof-Architektur in Nördlingen

Die Stadt Nördlingen in Schwaben hat seit 2010 einen neuen Busbahnhof mit angrenzendem Parkhaus. Für die beeindruckende Konstruktion, die in goldenem Licht erstrahlt, erhielt das Architekturbüro MORPHO-LOGIC aus München im Jahr 2013 den BDA-Preis Bayern. Die 10 Bushaltestellen und das Parkhaus mit seinen 150 Stellplätzen liegen parallel zu den Bahngleisen. Obwohl die Gewerke einzeln ausgeschrieben worden waren, bilden die einzelnen Elemente eine Einheit.

 

So ist die Schaufassade des Parkhauses aus goldfarbenen Streckmetallelementen gefertigt. Das 18 x 56 Meter große Dach des Busbahnhofs greift die Proportionen und Materialien des gegenüberliegenden Gebäudes auf und erstrahlt ebenfalls in Gold. Der Knick in der Dachscheibe symbolisiert die Trennung zwischen Warte- und Transitbereich, wobei die kegelförmig verlaufenden Stützen im ersten Bereich das Dach wie ein Tablett auf Fingerspitzen erscheinen lässt.

 

Busbahnhof Nördlingen

© Jens Weber / Michael Heinrich; Busbahnhof Nördlingen 

 

Der Flughafen von Marseille – ein Bau der Zukunft

Im Jahr 2022 soll der erste große Bauabschnitt am Flughafen von Marseille in Südfrankreich fertig sein. 250 Millionen Euro wird das Projekt kosten. Im Zentrum steht eine 23 Meter hohe verglaste Halle: „Le Cœur“ (Das Herz). Mit dem Neubau verfolgen der Bauherr und die Architekten Foster + Partner aus London gleich mehrere Ziele:

 

  1. Der Flughafen soll die zu erwartenden höheren Passagierzahlen bewältigen können. Allein das Terminal wird nach Fertigstellung bis zu 12 Millionen Passagiere pro Jahr fassen.
  2. Der Passagierfluss soll effizienter und intuitiver ablaufen.
  3. Durch die Zusammenlegung von Bereichen, etwa der Gepäckaufgabe, sollen Kosten gesenkt werden.
  4. Zahlreiche Einkaufsmöglichkeiten sollen die Attraktivität dieses Verkehrsbaus erhöhen.

In gestalterischer Hinsicht spielt bei diesem Flughafenbau ein weiteres Element eine wichtige Rolle: Die neue Halle dient als verbindendes Glied zwischen den existierenden Gebäuden des Terminals 1. Auf der einen Seite steht der modernistische Bau von Ferdinand Pouillon aus den 1960er-Jahren, auf der anderen Richard Rogers Erweiterungsbau aus dem Jahr 1992. Das Dach des „Herzes“ besteht aus invertiert fixierten Stahlträgern mit einer Spannweite von 33 Metern. Sie schaffen ein Raster aus Oberlichtern, die die große Halle mit Helligkeit durchfluten. Den Ankommenden und Abfliegenden des Marseiller Flughafens bietet sich ein freier – erster oder letzter – Blick auf die Schönheit der Region. Wie der neue Bau aussehen soll, zeigt dieses Video:

 

 Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=y2YlZGwjkeo&feature=youtu.be

 

Eine multifunktionale Liftstation in Churwalden

Liftstation in Churwalden

© Ritter Schumacher; Liftstation in Churwalden

 

Die „kleine Perle unter den Skigebieten“, das Skigebiet Pradaschier nahe der Bündner Hauptstadt Chur, ist ein beliebtes Urlaubsgebiet, insbesondere zur Winterzeit. Die Stadt Churwalden, die am Fuße dieses Gebiets liegt, wollte nicht nur eine neue Liftstation bauen, sondern ein multifunktionales Gebäude errichten: Ein Bauwerk, das Urlauber und Einheimische sommers wie winters nutzen können. Nun vereint die Liftstation eine Sportstätte, ein Restaurant und ein Aussichtsplateau.

 

Liftstation in Churwalden

© Ritter Schumacher; Liftstation in Churwalden

 

Der sichelförmige Betonbau schmiegt sich dabei an den Berghang und trennt den Ortskern vom dahinter liegenden Campingplatz. Die kühle und dezente Architektur des Außenbereichs kontrastiert mit der farbenfrohen Gestaltung im Inneren: Knallrote Wände und schlangenförmige Leuchtdioden orientieren die Besucher des „Portals“ zu den Ticketschaltern und zum Restaurant. Federführend bei diesem Projekt waren die lokal ansässigen Architekten Ritter Schumacher. Im Jahr 2016 erhielten sie für diesen Neubau den „Award für Marketing + Architektur“, eine Auszeichnung für hochwertige Corporate Architektur.

 

Restaurant in der Liftstation Churwalden

© Ritter Schumacher; Restaurant in der Liftstation Churwalden

 

Attraktive Verkehrsbauten: Ein Durchgangsort wird zur Wohlfühloase

Ob Busbahnhof, Flughafen oder Liftstation – diese Beispiele beweisen, dass Verkehrsbauten mehr als nur funktionieren können. Der Flughafenbau in Marseille beeindruckt nicht nur durch seine Ästhetik, sondern auch durch die Verbindung aus Passagierabfertigung, Einkaufszentrum und Wohlfühlort. Ähnliches gilt für die Liftstation in Churwalden und den Busbahnhof in Nördlingen – sie sind das Tor zu einer anderen Welt. Doch auch in Stockholm haben die Menschen längst entdeckt, wie schön Verkehrsbauten sein können: Die beeindruckende U-Bahnhofsarchitektur wird hier zum Kunsterlebnis.


 

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