Zeitlose Nachhaltigkeit in Beton

6. November 2019

Er ist der Baustoff der Moderne, aber auch der Kontroversen: Beton. In vielen Bereichen nach wie vor unersetzlich, haftet dem mineralischen Material gleichzeitig der Ruf an, dass es nicht unbedingt das nachhaltigste ist. Dass es in Betonbauten allerdings mitnichten an Nachhaltigkeit mangeln muss, zeigt ein besonderes Bürogebäude am Hamburger Bahnhof in Berlin. Das elegante Bauwerk entspricht nicht nur den Nachhaltigkeitsanforderungen für DGNB Platin, sondern besitzt obendrein jene gestalterische und baukulturelle Qualität, die seit 2015 mit dem DGNB Diamanten ausgezeichnet wird. Verantwortlich für diese hohen Auszeichnungen ist mitunter eine außergewöhnliche monolithische Sichtbetonfassade.

 

Es ist weder das erste noch wird es das letzte Bürogebäude in Berlins neuer sogenannter „Europacity“ sein. Die Messlatte für Nachhaltigkeit und gestalterische Qualität dürfte der Bau des Zürcher Architekturbüros Miller & Maranta in dem wachsenden Viertel jedoch ordentlich nach oben gehängt haben. Bereits im Wettbewerb um das Projekt, wo man sich gegen namhafte Kollegen durchsetzen konnte, wurde seitens der Jury die „zeitlose urbane Eleganz“ und die „subtile Interpretation der Dualität von Wasser- und Platzseite“ des Siegerentwurfs gelobt. Klingt nach einem Kunstwerk, ist allerdings tatsächlich auch ein regelrechtes Kunststück.

 

Monolithische selbsttragende Fassade

Das Kunststück besteht in der Vermittlung zwischen den völlig unterschiedlichen Architektursprachen der umliegenden Bebauung – Industriebauten von Hamburger Bahnhof und Rieck-Hallen sowie klassizistische Prunkbebauung entlang des Spandauer Schifffahrtskanals – bei gleichzeitig starkem eigenen Ausdruck. Maßgebend für diesen Balanceakt ist die Fassade, bestehend aus einem zeitlosen, schlichten Betonskelett. Hinter dieser vermeintlichen Schlichtheit verbirgt sich hohe Baukunst: Die Fassade umfängt das Gebäude als monolithische, fugenlose Hülle, die sich selbst trägt. Diese „Skulptur“ aus Pfosten und Riegeln wurde nicht in Einzelteilen vorgefertigt, sondern vor Ort als Ortbeton Stück für Stück errichtet.

 

Betonlabor

Da die Betonskulptur nicht nur statisch, sondern auch ästhetisch von höchster Qualität sein sollte, erwies sich ihr Bau als äußerst komplex. Deshalb wurde noch in der Planungsphase ein Sichtbetonteam aus Betontechnologen, Bauingenieuren, Architekten, Baumeistern, Schalungsplanern, Bauleitern und Betonlieferanten zusammengestellt. Das „perfekte“ Betongemisch, welches die richtige Verarbeitbarkeit, Festigkeit, Ästhetik und Dauerhaftigkeit aufweisen musste, wurde eigens im Labor entwickelt. Bevor man sich an den tatsächlichen Bau wagte, wurde dieser zudem zunächst an einem 1:1-Modell getestet, was wichtige Erkenntnisse für Bewehrung, Schalung und Art der Einbringung lieferte.

 

Ausgeklügeltes Energiekonzept

Die skulpturale Fassade ist auch Teil eines ausgeklügelten Energiekonzepts. Lediglich punktuell an das innere Tragwerk rückgebunden, durchdringt sie die Dämmebene nur minimal. Neben dieser thermisch optimierten Gebäudehülle sorgen eine optimierte Tageslichtnutzung, die hohe Speichermasse des Betons und eine innovative Lüftung dafür, dass der Bürobau rund 30 Prozent weniger Energie verbraucht, als es die Stadt Berlin vorschreibt. Damit erreicht das Gebäude nahezu Passivhausstandard.

 

Aller Ehren wert

Insgesamt erfüllt das Bürogebäude die hohen ökologischen, ökonomischen, sozialen und technischen Anforderungen für DGNB Platin. Darüber hinaus erhielt der zeitlos elegante Bürobau DGNB Diamant für seine gestalterische und baukulturelle Qualität. Die besteht übrigens nicht nur in der skulpturalen Fassade, sondern auch in flexibel gestaltbaren Innenräumen sowie einem ausgeklügelten Technikkonzept. Bei letzterem wird der Großteil der „Arbeit“ vom Gebäude selbst geleistet, während die Technik im Hintergrund lediglich die Feinabstimmungen vornimmt. So sind etwa gut zugängliche Steigzonen hinter Teeküchen und Garderoben versteckt oder Heizkörper und Luftauslässe vollständig in den Innenausbau integriert. Alles in allem also ist der 2016er Betonbau aller Ehren wert.

 


 

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