Himmlisches Gemüse – Vertikale Agrikultur

19. Dezember 2019

Schätzungen der UN zufolge wird es bis 2050 etwa zehn Milliarden Menschen auf der Erde geben. Zwei Drittel davon werden in Städten leben. Beides zusammen stellt gleich ein doppeltes Problem dar. Zum einen werden rund zweieinhalb Milliarden mehr Menschen ernährt werden müssen. Zum anderen geht mit der Ausbreitung der Städte ein Schwinden der Anbauflächen einher. Bis zu einem gewissen Maß ließe sich die Ausdehnung der Städte durch kluge Stadtplanung eindämmen. Dennoch würde auch dann das vorhandene Ackerland zur Ernährung solcher Menschenmassen nicht ausreichen. Es scheint an der Zeit, die Landwirtschaft als Ganzes zu überdenken.

 

Behalten die Vereinten Nationen Recht, wird sich die Zahl der Städter bis 2050 von aktuell 3,4 auf 6,66 Milliarden nahezu verdoppeln. Städte wachsen jedoch nicht zwangsläufig proportional zu ihren Einwohnern. Vielmehr wird angenommen, dass sich in den Entwicklungsländern, wo die Landbevölkerung momentan noch die Mehrheit bildet, die Stadtbevölkerung bis 2030 verdoppeln, die Ausbreitung der Städte jedoch womöglich gar verdreifachen wird. Bei diesen Aussichten bleibt schlicht nichts anderes übrig, als in den Städten selbst Landwirtschaft zu betreiben. Konzepte dafür existieren bereits. Und die sind, wie so viele Lösungen im Kontext großer Dichte, vertikal.

 

„Agritechture“: Agrarpionier Plantagon

Eine vertikale Landwirtschaft bedeutet, dass Agrarflächen, die normalerweise die Form von weitläufigen Feldern einnehmen würden, in Hochhäusern untergebracht werden. Die 2012 gegründete schwedische Firma Plantagon nimmt auf diesem „Feld“ eindeutig eine Vorreiterstellung ein. Das Unternehmen entwickelt unterschiedliche Konzepte vertikaler Landwirtschaft für verschiedene klimatische Kontexte. Die Grundidee ist jedoch stets die gleiche: Man holt Landwirtschaft unter Verwendung modernster Technologie, welche überschüssige Wärmeenergie, Biomasse und selbst CO2 für die Nahrungsproduktion nutzbar macht, in die Städte und verpackt sie in eine ansprechende Architektur. Diese Kombination von Agrikultur, Technologie und Architektur nennt Plantagon wortschöpferisch „Agritechture“.

 

Symbiose vieler: Plantagons World Food Building

Ein erster Agritechture-Prototyp wird derzeit mit dem World Food Building im schwedischen Linköping entwickelt und soll bis 2020 fertiggestellt werden. Das 60 Meter hohe Gebäude wird auf der mit leicht geneigter Glasfassade versehenen Südseite ein Gewächshaus mit 4.335 Quadratmetern Anbaufläche bereitstellen. Auf der Nordseite sind Büros untergebracht. Ziel ist es, mit dem kleinstmöglichen Fußabdruck – sowohl in Bezug auf Fläche als auch auf Ressourcen wie Wasser – so viel Nahrung wie möglich zu produzieren. Und das in bester Qualität.

 

 

Plantagon arbeitet bei der Entwicklung des Projekts mit Experten aus verschiedenen Bereichen zusammen, darunter etwa SWECO, SAAB, SSAB, Samhall oder auch die Universität Linköping. Und auch das World Food Building selbst wird eine Symbiose mit anderen eingehen. In unmittelbarer Nähe befinden sich eine Müllverbrennungs- und eine Biogasanlage auf dem höchsten Stand der Technik, die das Gebäude mit überschüssiger Wärme sowie CO2 und Nährstoffen versorgen. Das WFB liefert im Gegenzug Pflanzenabfälle an das Biogaskraftwerk.

 

Vertikales Landwirtschaftsviertel: Sunqiao Urban Agriculture District

In Schanghai hat man bereits seit Längerem Erfahrung mit urbaner Landwirtschaft, die einen festen Teil der lokalen Nahrungsversorgung darstellt. Vertikal war diese bislang nicht, doch treibt gerade in China die zunehmende Verdichtung den Anbau „in die Höhe“. Konsequenter Weise gibt es auch hier ein Pilotprojekt für vertikale urbane Agrikultur. Mit dem von Sasaki geplanten Sunqiao Urban Agriculture District entsteht derzeit ein ganzes Landwirtschaftsviertel fast mitten in der Megastadt. Ähnlich wie im World Food Building sollen hier diverse Pflanzen mittels Hydroponik in „Hochgewächshäusern“ angebaut werden. Das Viertel soll zudem Forschungseinrichtungen und Büros für Öffentlichkeitsarbeit im Bereich urbane Agrikultur beherbergen.

 

Gerade dieses Projekt in China verdeutlicht weitere Vorteile einer urbanen und sinnvoller Weise vertikalen Landwirtschaft. Rund ein Fünftel des Ackerlandes im Reich der Mitte ist stark mit Schwermetallen belastet. In geschlossenen vertikalen Farmen ließe sich hingegen, unter laborähnlichen Bedingungen, vor Umweltgiften geschützt Nahrung produzieren. Jegliche Form urbaner Agrikultur, egal in welchem Teil der Erde, bringt durch den lokalen Anbau darüber hinaus enorme Energie- und CO2-Ersparnisse, da die langen Transportwege von den Feldern in die Städte wegfallen. Und eins dürfte außerdem sicher sein: Mit Grün gefüllte gläserne Türme wie das World Food Building werden auf jeden Fall das Stadtbild nachhaltig verändern.


 

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