Crime-Story in Dubai: The Dubai Frame

12. Juni 2019

Ganz schön frech: 2008 veranstalteten die Stadt Dubai und thyssenkrupp Elevator überwacht von der Union Internationale des Architects (UIA) einen Architekturwettbewerb um ein emblematisches Gebäude, welches das „neue Gesicht Dubais“ repräsentieren sollte. Als Gewinner ging damals der mexikanische Architekt Fernando Donis aus über 900 Mitbewerbern hervor. Sein Entwurf namens „The Dubai Frame“ wurde später gebaut und eröffnete 2018. Nur erhielt Donis nach eigenem Bekunden bis heute, abgesehen vom Preisgeld, weder einen Vertrag noch Vergütung. Das Gebäude könnte damit nicht nur buchstäblich den größten „Bilderrahmen“ der Welt, sondern auch bildlich gesprochen den Rahmen für einen Diebstahl ungeheuerlichen Ausmaßes darstellen.

 

Mit dem Dubai Frame erweitert die Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate einmal mehr ihre Sammlung an Superlativen. Zwei 150 Meter hohe Türme, verbunden über eine 93 Meter lange Brücke mit transparentem Boden, machen das Bauwerk zum größten „Bilderrahmen“ der Welt. Architekt Fernando Donis stört ein wenig die Goldornamentik – in seinem Entwurf war der Dubai Frame in schlichtem Weiß gehalten. Im Großen und Ganzen freut er sich aber, dass das Gebäude gebaut wurde und genau so „funktioniert“, wie er und seine Mitarbeiter in Rotterdam es sich vorgestellt hatten. Nur hätte er lieber, entsprechend den Wettbewerbsregularien, daran mitgebaut.

 

Schlechter Vertrag – kein Vertrag

Laut Donis sahen die Wettbewerbsbestimmungen vor, dass der Verfasser des Siegereintrags das Urheberrecht an diesem behalten würde und die Stadt Dubai seine Arbeit erst verwenden dürfte, wenn er den entsprechenden Vertrag für die Planung mit ihr unterzeichnete. Der Vertrag, der Donis 2013 nach langem Hin und Her von der Stadt Dubai vorgelegt wurde, deklarierte jedoch das Gegenteil. Demnach wurde der Architekt genötigt, lediglich als Berater dem Projekt beizuwohnen und die Rechte an seinem geistigen Eigentum komplett an die Stadt Dubai abzutreten. Ferner wurde ihm in dem Dokument untersagt, jemals die Baustelle zu betreten oder das Projekt als seine eigene Arbeit zu bewerben.

 

Die Stadt Dubai behielt sich darüber hinaus das Recht vor, den Vertrag ihrerseits jederzeit aufkündigen zu können. Verständlicherweise weigerte sich der Architekt, einen derartigen „Un-Vertrag“ zu unterzeichnen, woraufhin die Stadt Dubai die Arcadis-Tochter Hyder Consulting engagierte und weder mit Donis an Board noch mit seiner Einwilligung mit dem Projekt fortfuhr. Nachdem das Architekturbüro in Folge diverse Abmahnungen an die Stadt Dubai und thyssenkrupp gesandt und alle Wege der Kommunikation ausgeschöpft hatte, entschloss man sich 2016, eine Klage wegen Urheberrechtsverletzung beim Bundesgerichtshof der USA einzureichen.

 

Unantastbar

Der rechtliche Schritt war allerdings vergebens: Dem Rechtssystem der Stadt Dubai entsprechend, kann diese nur verklagt werden, wenn sie das auch will. Die Stadt verleiht sich quasi selbst volle Immunität. Darüber hinaus bezeichnete auch Nebenbeklagter thyssenkrupp die Klage als haltlos, da die Firma keinerlei Entscheidungsgewalt bezüglich der Vertragsvergabe gehabt hätte. In einem früheren Brief an Donis hieß es zudem, dass dessen Anliegen auf eine geschäftliche Uneinigkeit hinausliefe und thyssenkrupp nichts weiter tun könne.

 

Auch die UIA, deren Regelwerk eigentlich greifen müsste, scheint in dem Urheberrechtsstreit machtlos. Auf eine Anfrage des Guardian schrieb die Organisation, alle UIA-genehmigten Wettbewerbe müssten sich an die Grundsätze der UNESCO-Bestimmungen halten – was auch den Schutz geistigen Eigentums umfasst. Nichtsdestotrotz könne die UIA in der Zeit nach einem Wettbewerb keine rechtlichen Schritte ergreifen. Die Stadt Dubai macht indes von einem weiteren Recht Gebrauch, das sie sich selbst gewährt: Sie schweigt. Ob Donis noch auf anderem Wege versuchen wird, zu seinem Recht zu gelangen, ist nicht bekannt.

 

Wermutstropfen?

An einem Architekturwettbewerb der Stadt Dubai wird Fernando Donis nach dieser bitteren Erfahrung vermutlich nicht mehr teilnehmen. Immerhin erkennen die Medien ihm zu, dass es sich bei The Dubai Frame um sein geistiges Werk handelt, und auf Wikipedia etwa wird er als Architekt des besonderen Bauwerks geführt. Tatsächlich zeigen die Visualisierungen seines Entwurfs absolut eindeutig, dass es sich um ein und dieselbe Idee handelt. Das Einzige am Bauwerk, was offenkundig nicht von Donis‘ Rotterdamer Architekturbüro stammt, sind die kreisförmigen Goldornamente. In diesen spiegelt sich das Corporate Design für die kommende EXPO 2020 in Dubai wider – ein gigantischer Rahmen für eine Werbekampagne.


 

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