Kreatives Bauen auf Zeit: 3 beeindruckende temporäre Bauten

1. Oktober 2018

Vergänglichkeit übt auf uns einen großen Reiz aus – sie trifft schließlich den Kern der menschlichen Natur. Temporäre Gebäude haben deshalb häufig das Potenzial, zum Ereignis zu werden. Doch hinter dem Trend zeitlich begrenzter Baukunst steckt mehr. Ephemere Architektur trifft die Anforderungen einer Gesellschaft, die sich immer schneller wandelt. Architekten und Planer werden damit zu spannenden Experimenten inspiriert und entdecken kreativen Freiraum für einzigartige Konzepte. Drei beeindruckende temporäre Bauten stellen wir Ihnen in diesem Beitrag vor.

 

Juliertheater Origen Festival Cultural

© Böhringer Friedrich; Juliertheater Origen Festival Cultural

 

Temporäre Architektur: Perfekte Lösungen für spezielle Anlässe

Olympische Spiele, Weltausstellungen, Konferenzen – spektakuläre temporäre Gebäude prägen häufig das Gesicht von internationalen Veranstaltungen. Beispiele sind etwa die maurisch inspirierten Holzgebäude, die anlässlich der UN-Klimakonferenz 2016 in Marokko errichtet wurden. Temporäre Bauten können aber auch über Monate und Jahre hinweg eine wichtige Rolle spielen. Während das Kulturzentrum Gasteig in München einer aufwendigen Sanierung harrt, plant das Architektenbüro gmp Ersatz: Bis 2020 soll ein temporärer Konzertsaal für nicht weniger als 1.800 Besucher entstehen. Durch Ausweichgebäude erfüllt ephemere Architektur gesellschaftliche und sogar humanitäre Aufgaben. Wenn es etwa um Flüchtlingsunterkünfte geht, ist inzwischen längst nicht mehr nur containerhafte Zweckmäßigkeit gefragt. Es geht vielmehr um kreative und intelligente Lösungen, bei denen auch ästhetische Aspekte nicht zu kurz kommen sollen.

 

Nicht ewig, aber nachhaltig: ökologische Konzepte gewinnen

Temporäre Bauten lassen sich unter Umständen nach ihrer erfüllten Mission an anderer Stelle wieder aufbauen und nutzen – ein Pluspunkt aus ökologischer Sicht. Da die Bauten keine Jahrzehnte überdauern müssen, entsteht neuer Raum für Experimente mit ökologisch sinnvollen Materialien. So bringt die Verarbeitung von Holz, Textilien oder kompostierbaren Baustoffen aus Pilzmyzelium neue Erfahrungswerte im Hinblick auf die Ökologie des Bauens insgesamt. Da in dieser baulichen Kategorie so manche Regel entfällt, bedeutet temporäre Architektur neue Freiheit und Kreativität.

 

Der temporäre Theaterturm in den Schweizer Alpen

Juliertheater Origen Festival Cultural

© Böhringer Friedrich; Juliertheater Origen Festival Cultural

 

Das beweist der rote Turm des Origen Festival Cultural, eines Kulturfestivals im schweizerischen Graubünden. An diesem Projekt ist nichts gewöhnlich. Der Ort: 2.300 Meter über dem Meeresspiegel. Die Bauzeit: Zweieinhalb Monate. Der Architekt: Giovanni Netzer, der Initiator des Festivals, gestaltete das Bauwerk selbst. Bereits während der Bauaktivitäten erfüllte das temporäre Gebäude seinen Zweck – sie wurden durch Lesungen begleitet. Im vertikal bespielbaren Turm finden Theateraufführungen, Musikveranstaltungen und Ballettdarbietungen statt. Die Analogie zum Turmbau von Babel soll auf die Sprachenvielfalt der Region hindeuten. Seine rote Farbe wirkt kontrastierend zur Landschaft, die wiederum zum Bestandteil der Inszenierungen wird – Lichtstimmungen und Ausblicke werden mit einbezogen. Bis zum Jahr 2020 soll der temporäre Bau Touristen und Einheimische anziehen, dann wird der Turm abgetragen.

 

Die Humboldt-Box in Berlin

Humboldt Box Berlin

© Flickr / Jean-Pierre Dalbéra; Humboldt Box Berlin

 

Sie ist asymmetrisch, strahlend blau und ein Besuchermagnet: Die Humboldt-Box in Berlin beherbergt Ausstellungen rund um Geschichte, Bau und Zukunft des Berliner Stadtschlosses und des Humboldt-Forums. Als ephemere Architektur zelebriert die Box den Countdown, bis das Stadtschloss aufgebaut und das Humboldt-Forum fertiggestellt ist. Das nachts illuminierte Gebäude verfügt über mehrere Aussichtsterrassen und ein 3.000 Quadratmeter großes Dachrestaurant. Wenn die blaue Box mit der ungewöhnlichen Form im Jahr 2019 abgerissen wird, war sie acht Jahre lang ein wichtiger Anziehungspunkt der Hauptstadt.

 

Der deutsche Pavillon auf der EXPO 2010 in Shanghai

Als begehbare Raumskulptur entstand der deutsche Pavillon auf der EXPO 2010 in Shanghai. Unter dem Titel „balancity“ stellte dieser temporäre Bau das Thema „Gleichgewicht“ in den Mittelpunkt. Die einzelnen Baukörper wirkten instabil, hielten sich jedoch gegenseitig in Balance. In einer modernen Stadt muss das Gleichgewicht gewahrt werden, das thematisierte dieser Pavillon. Eine transparente Textilhaut reflektierte die Sonneneinstrahlung und sorgte für angenehmes Raumklima. Viele weitere innovative Materialien und Begrünungen vervollständigen das nachhaltige und vielfach ausgezeichnete Konzept. Das Architekturbüro Schmidhuber stellt das temporäre Gebäude in einem Video selbst vor.

 

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=BzJGELlWZOc

 

Temporäre Architektur bietet neue Chancen für gestalterische und technische Experimente. Auch wenn sich alle am Bau Beteiligten mit dem Gedanken anfreunden müssen, etwas zu erschaffen, was nicht für die Ewigkeit gedacht ist. Im Vergleich zu massiven Bauten aus Stahl und Beton sind temporäre Bauten keine repräsentativen Generationenwerke. Renommee für Architekten entsteht oft dennoch – durch das gekonnte Spiel mit der Nutzungsart, dem Anlass, den Gegebenheiten. Kreativität schlägt Ewigkeit.

 

Weitere interessante Aspekte temporärer Architektur finden Sie auch in unseren Beiträgen über modulares Bauen, faltbare Häuser und das Fußball-WM-Stadion in Katar. Schauen Sie doch mal rein!


 

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