Ein Riesenschornstein gegen Smog

28. November 2018

Um den Energiehunger einer aufstrebenden Industrieweltmacht zu stillen, hat China jahrelang ein Kohlekraftwerk nach dem anderen aus dem Boden gestampft. Eines der größten Probleme, die diese buchstäblich schmutzige Form der Energiegewinnung mit sich bringt, ist der Smog, der die Großstädte im Reich der Mitte vor allem im Winter überzieht. Neben Bestrebungen im Ausbau erneuerbarer Energien, die weltweit ihresgleichen suchen, gehen die Chinesen dieses Problem neuerdings auch gezielt mit direkten Luftreinigungsmaßnahmen an. Ein aufsehenerregendes Pilotprojekt auf diesem Gebiet befindet sich in der Stadt Xian. Dabei handelt es sich um den vermutlich größten Luftfilter der Welt.

 

© stone36 - Fotolia.com


60 Meter hoch ist das experimentelle Betonbauwerk, welches optisch große Ähnlichkeit zu Industrieschornsteinen aufweist. Dieser Schornstein jedoch ist in seiner Funktion das genaue Gegenteil von üblichen Schloten, denn statt die Luft mit schädlichen Emissionen zu verpesten, filtert er diese aus ihr heraus. Entwickelt wurde der gigantische Luftreiniger von Wissenschaftlern der Chinesischen Akademie der Wissenschaften und der Jiaotong Universität in Xian sowie der University of Minnesota. Seit 2017 sorgt es auf einem kleinen Areal der chinesischen Metropole Xian für bessere Luft.

 

Filter im Kamin

Vom Prinzip her funktioniert der Luftreiniger wie ein Aufwindkraftwerk. Am Fuß des Schornsteins befindet sich eine Art Treibhaus mit großer Glasdachfläche, in welchem sich die Luft aufheizt und anschließend nach oben durch den Kamin strömt, wo sie mittels Filter von Feinstaub befreit wird. Der entstehende Unterdruck saugt weitere schmutzige Luft an. Eine spezielle Beschichtung verbessert die Lichtabsorption des Daches und somit die Effizienz des Kamineffekts.

 

Erfolgreiche Tests

Der Effekt des Kamins auf die Luft wurde bislang an zehn verschiedenen Prüfstationen in einem Umkreis von etwa zehn Quadratkilometern gemessen. Als Zeitpunkt für die Messungen wurden zwei Wochen im Januar 2018 gewählt, da die Smogbelastung unter diesen winterlichen Verhältnissen am höchsten ist. Den Messungen zufolge erzeugte die Anlage zwischen fünf und acht Millionen Kubikmeter gefilterter Luft und konnte damit die Feinstaubbelastung im Versuchsareal um 19 Prozent reduzieren. Obwohl diese Daten vielversprechend sind, bleibt der Effekt jedoch lokal begrenzt. Forschungsleiter Cao Junji fordert daher den Einsatz multipler „Reinigungskamine“, um wirklich eine signifikante Reduzierung der Luftverschmutzung zu erreichen.

 

 

Größere Kamine

Die bisher gesammelten Daten werden momentan noch für eine Peer-Review aufbereitet. Sollte das Projekt jedoch erfolgreich sein, würde der 60-Meter-Kamin in Xian eventuell nur den kleinen Anfang von einer Reihe weitaus größerer Anlagen darstellen. Für Xian wurde bereits ein Vorschlag für einen 300 Meter hohen Luftfilter eingereicht. Pläne für ein 500 Meter hohes Bauwerk existieren ebenfalls. Daneben stehen die Wissenschaftler in Verhandlung mit weiteren Metropolen wie Peking, Hebei und Henan – allesamt Orte, an denen es an Smog gewiss nicht mangelt.

 

Sinnvoll oder Unsinn?

Wie sinnvoll die Technologie wirklich ist, hängt davon ab, wie hoch die Umweltschäden durch den Bau und Betrieb derartiger Anlagen ausfallen. Schließlich benötigt die Herstellung eines so großen Betonbauwerks gewaltige Mengen an Energie, deren Erzeugung wieder zu unliebsamen Emissionen führt. Auch sind die Kosten nicht gerade gering. Der Bau des 60-Meter-Prototyps belief sich allein auf umgerechnet 1,7 Millionen Euro. Kritiker stellen daher die Frage, ob es nicht vielleicht sinnvoller wäre, die gleiche Menge an Ressourcen und Geld in erneuerbare Energien zu investieren, die am Ende schlicht keine Giftstoffe emittieren. Andere halten hingegen den Versuch an sich für wertvoll, sind aber noch darüber unentschlossen, ob der Ansatz am Ende funktioniert.


 

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