Skulpturale Architektur: Exzentrisch, plastisch, einzigartig

28. Juni 2018

Die Prototypen des skulpturalen Bauens gelten als die Exzentriker unter den Gebäuden. Mit ihren unkonventionellen, ausufernden Formen markieren sie meist kulturelle Landmarks weltweit: Museen, Kulturzentren, Konzerthallen. Oft ziehen sie den Vorwurf der „Egozentrik“ und der Effekthascherei auf sich – was nicht immer gerechtfertigt ist. Wie intelligent und aussagekräftig plastisches Bauen sein kann und welche Stilmittel dabei zum Einsatz kommen, erfahren Sie in diesem Artikel.

 

Biomorphic House” von Ephraim Henry Pavie

© Wikimedia Commons / BiomalonBiomorphic House” von Ephraim Henry Pavie

 

Zwischen Architektur, Kunst und Design

Über skulpturale Architektur ist sehr viel Abstraktes und Widersprüchliches geschrieben worden. Sie entzieht sich einer eindeutigen Klassifizierung und ist – trotz einschlägiger Versuche – schwerlich als Gattung anhand einer klaren Entwicklungslinie über die Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte zu verorten. An dieser Stelle sei der 2011 verstorbene Architekturtheoretiker Walter Sewing in seinem Werk „Architecture: Sculpture“ (2004) zitiert: „Es erscheint nicht sinnvoll zu sein, skulpturale Architektur als einen eigenständigen Stil zu bezeichnen – sie sollte eher als biomorph, ausdrucksstark, organisch und zusätzlich in eine Art von monumentalen oder minimalistischen Rationalismus kategorisiert werden.“ Die Theoretiker der plastischen Architektur stimmen aber darin überein, dass ihr zentrales Merkmal ein Aufbrechen der Gattungsgrenzen zwischen Architektur, Kunst und Design sei.

 

Frank O. Gehry – Meister der skulpturalen Geste

Frank O. Gehry gilt als der unangefochtene Meister der skulpturalen Architektur. Angefangen bei seinem Entwurf für das Vitra Design Museum in Weil am Rhein (1989) über sein legendäres Guggenheim Museum in Bilbao (1997) bis hin zur Walt Disney Concert Hall in Los Angeles (2003).

 

Guggenheim Museum Bilbao (Frank Gehry)

© Pixabay / SaraJanssenGuggenheim Museum Bilbao (Frank Gehry)

Es ist auch ein Gebäude von Frank O. Gehry, das demonstriert, wie weit die Stilmittel und die Ausdruckskraft skulpturaler Architektur über das Weiche, Rund-Organische der „Blobs“ hinausgehen können. Skulpturale Bauwerke können auf buchstäblich „verrückte“ Weise schiefwinklig oder kubisch sein – so wie das 100 Millionen Dollar schwere Cleveland Clinic Lou Ruvo Center for Brain Health in Las Vegas (2007), eine Klinik zur Erforschung der Gehirnkrankheiten Alzheimer, Parkinson und Huntington („Veitstanz“). 

 

Clinic Lou Ruvo Center for Brain Health in Las Vegas

© Wikimedia Commons / Monster4711 Clinic Lou Ruvo Center for Brain Health in Las Vegas

 

Hier wird die Ausdruckskraft von Architektur fast schmerzhaft deutlich. Das Lou Ruvo Center for Brain Health scheint mit seiner dramatischen Geste des Niedergangs und Zerfließens eine architektonische Entsprechung dafür zu sein, was Gehirnkrankheiten anrichten können.

 

Anfänge des digitalisierten Bauens 

Richtungsweisend für spätere Architektengenerationen war Gehrys erstmaliger Einsatz eines Computerprogramms, das digitalisierte Daten gewann, indem physikalische Modelle eingescannt und dann weiter bearbeitet wurden. Erst mit dieser Software war es möglich, seine skulpturalen Kreationen zu realisieren – sowohl baulich als auch wirtschaftlich. 

 

Metropol Parasol, Sevilla

© Flickr / Kristoffer Trolle; Metropol Parasol, Sevilla

 

Einer der jungen Vertreter dieser computeraffinen Baugestalter ist der Berliner Architekt Jürgen Mayer H., der für seinen Metropol Parasol in Sevilla den Red Dot Design Award erhielt. Die größte geleimte Holzkonstruktion der Welt gilt als Signature Building einer zeitgenössischen skulpturalen Architektur, die mit der rasanten Weiterentwicklung moderner Architektur-Software und BIM immer kühner und freier wird. Bleibt mit Werner Sewing festzuhalten, dass skulpturales, plastisches Bauen vieles sein kann. Eines aber ist es immer: unabhängig, individuell und einmalig.

 

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