„Entfesselt“: Ein Aufzug ohne Seil

16. April 2018

Die Erschließung der Vertikale gehört seit Langem zu den wichtigsten Mitteln zur Raumgewinnung in den Städten. Den Durchbruch erreichte der extreme Hochbau mit der Erfindung des absturzsicheren Aufzugs Mitte des 19. Jahrhunderts. Ohne diese Fördertechnik wäre der Betrieb besonders hoher Gebäude damals wie heute praktisch undenkbar. Während der Bauhöhe mittlerweile rein konstruktiv theoretisch keine Grenzen mehr gesetzt sind, bremsen nun aber ausgerechnet die Aufzüge den Vorstoß in neue Höhen. Der Grund: Die Stahlseile sind ab einer gewissen Höhe einfach unerträglich schwer. Nun bietet thyssenkrupp eine Lösung, die Aufzüge von ihren schweren „Fesseln“ befreit und obendrein die Horizontale erschließen lässt.

 

Querende Aufzüge

© thyssenkrupp; Querende Aufzüge

 

Bereits heute stoßen Aufzüge aufgrund des Gewichts ihrer Kabel in besonders hohen Gebäuden längst an ihre Grenzen. Das gilt nicht nur für superhohe Bauten vom Format eines Burj Khalifa (828 Meter), sondern auch für vergleichsweise wesentlich kleinere „Riesen“ wie etwa den Shard (306 Meter) in London. Selbst bei letzterem muss man ab der Mitte in einen anderen Aufzug umsteigen. Das kostet Zeit und im Gebäude selbst Raum. Eine Lösung für das Gewichtsproblem, die seit Jahren vielfach im Gespräch ist, sind um 90 Prozent leichtere Seile aus Carbonfasern. Doch wäre es nicht besser, sich gleich ganz von beschwerlichen Tragseilen zu befreien?

 

MULTI - ein revolutionäres Aufzugssystem

© thyssenkrupp; MULTI - ein revolutionäres Aufzugssystem

 

Seilloser Aufzug: MULTI

Basierend auf dieser Idee, hat thyssenkrupp nun ein geradezu revolutionäres Aufzugsystem entwickelt. MULTI, so der Name, soll kürzere Wartezeiten, eine bedeutend höhere Kapazität, wesentlich geringeren Platzbedarf und weitaus weniger (Eigen-) Gewicht ermöglichen. Die Technologie, die all das leisten soll, ist eine geradezu geniale Kombination aus Transrapid und Paternoster. Jede Kabine bewegt sich wie der bekannte Hochgeschwindigkeitszug mithilfe elektrischer Linearmotoren durch wandernde Magnetfelder. Gleichzeitig lässt sich, wie in einem Paternoster, eine Vielzahl von Kabinen durch einen einzigen Aufzugsschacht zirkulieren. Die Förderkapazität wird so selbst im Vergleich zu Zwillingsaufzügen immens gesteigert.

 

MULTI kann auch horizontal

© thyssenkrupp; MULTI kann auch horizontal

 

Auf in die Horizontale

Der wirkliche Clou kommt aber erst noch: MULTI kann auch horizontal. Durch um 90 Grad drehbare Weichen am Leitgestänge kann der clevere Aufzug an dafür vorgesehenen Schnittstellen tatsächlich queren. Auch hier tun sich völlig neue Möglichkeiten auf. So ließen sich – einer hausinternen Metro gleich – beispielsweise zwei über eine Brücke miteinander verbundene Türme oder horizontal weit entlegene Punkte innerhalb besonders langer Gebäude über ein einziges Aufzugsystem erschließen. Und der Metro-Gedanke geht noch weiter: thyssenkrupps Vision ist es, in Zukunft Gebäude über MULTI direkt mit den städtischen U-Bahnen zu verbinden.

 

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© thyssenkrupp

 

Tests in Schwaben, Premiere in Berlin

Zurzeit wird MULTI in einem eigens dafür gebauten Turm bei Rottweil getestet. Der Solitär ist dabei mit seiner Höhe von 246 Metern und seiner spiralförmigen Fassade eindeutig eine Attraktion für sich. Seine 17.000 Quadratmeter große Hülle besteht aus einem selbstreinigenden und fast transparenten PTFE-beschichteten Glasfasergewebe. Seit Oktober 2017 können Besucher des Turms für neun Euro die mit 232 Metern höchste Aussichtsplattform Deutschlands, mit 360-Grad-Panorama-Blick, betreten. Den MULTI selber kann man hier als Besucher allerdings nicht ausprobieren. Das wird erst 2020 im East Side Tower in Berlin möglich sein, wo er zum ersten Mal verbaut werden wird.


 

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