Moderne Kirchenarchitektur: Zwischen Tradition und Reduktion

21. Juni 2018

Kirchen sind so alt wie das Christentum selbst – etwa 2000 Jahre. Besonders seit dem Mittelalter galten sie als Prunkbauten und waren zugleich Symbole für Gottesbegegnung und Geborgenheit. In den modernen Sakralbauten der letzten beiden Jahrzehnte gehen die traditionelle christliche Symbolik und eine innovative Formensprache neue Verbindungen ein. Aufgrund dieses Gestaltungsspielraums ist ein Kirchenbau immer noch der Traum vieler Architekten. Drei wahr gewordene Träume können Sie in diesem Beitrag entdecken.

 

Herz-Jesu-Kirche 2002 in München

© Wikimedia Commons / Florian Holzherr; Herz-Jesu-Kirche 2002 in München

 

Sakralarchitektur im Wandel

Bis zum Ersten Weltkrieg wurden Kirchen in Deutschland nur in historischen Stilen errichtet, wie dem romanischen und dem gotischen Stil. Erst ab den 1950er-Jahren entwickelten sich neue Baustile, die unter den Vorzeichen von Freiheit und Aufbruch standen. Dabei dienten die Architekten Le Corbusier und Don Bosco als Vorbilder. Ihre Sakralarchitektur zeigt eine expressive Formensprache, welche beispielsweise bei der Pilgerkirche Notre-Dame-du-Haut in Ronchamp in Frankreich zum Ausdruck kommt. Zudem sollten sich nun alle gemeinsam um den Altar versammeln, die Opposition zwischen Priester und Gemeinde wurde aufgehoben. Architektonisch zeigte sich dies beispielsweise durch die Anordnung des Altars in der Mitte des Kirchenraumes, umgeben von Kirchenbänken.

 

Auch die modernen Kirchenbauten sind ein Spiegel ihrer Zeit. Jahrhundertealte Traditionen spielen eine genauso große Rolle wie Innovation und Nachhaltigkeit. Die opulente Ausstattung in Kirchen aus früheren Epochen ist einem neuen Minimalismus gewichen: statt Reizüberflutung eine Reduktion auf das Wesentliche. Das schafft Platz für die transzendente Erfahrung, die Gottesbegegnung. Die Kunst – vormals präsent als Gemälde, Skulpturen und Fresken – zeigt sich in modernen Kirchen schlicht, in einer anderen Form.

 

„Gottes Halfpipe“ im hohen Norden

St. Marien Kirche in Schillig

© Wikimedia Commons / WHVer, Uwe Karwath; St. Marien Kirche in Schillig

 

Die St. Marien Kirche in Schillig an der Nordsee spricht eine klare, moderne Formensprache: Ihre geschwungene, gläserne Dachkonstruktion erinnert an Dünen und Wellen. Als Baumaterialien im Inneren dienten Muschelkalk und sandfarbener Naturstein – Elemente des Meeres. Deshalb trägt das Gebäude auch den Spitznamen „Kirche am Meer“. Federführend bei diesem modernen Kirchenbau waren Königs Architekten aus Köln. Sie haben es geschafft, einen Bogen zwischen der traditionellen Symbolik eines Gotteshauses und den Ansprüchen an die neuzeitliche Sakralarchitektur zu schlagen.

 

Im Grundriss präsentiert sich „Gottes Halfpipe“ ganz klassisch. Zudem stammen drei Glocken und die Bleiglasfenster aus der Vorgängerkirche. Neu dagegen ist die einzigartige Lichtdeckenkonstruktion: Spezielle Bänder unter den Dachträgern übertragen das einfallende Licht wellenartig auf die Wände im Inneren.

 

Göttliche Geradlinigkeit in Leipzig

Für die katholische Propsteikirche St.Trinitatis in Leipzig setzten die Architekten Schulz und Schulz auf regionale, traditionelle Baustoffe. Der Rochlitzer Porphyr schmückt die geradlinige Fassade des modernen Kirchenbaus. Darüber hinaus erinnert die Gestaltung des Innenhofs an das Leipziger Passagensystem. Der 50 Meter hohe Glockenturm bildet zusammen mit dem Turm des Neuen Rathauses in unmittelbarer Nähe das Tor zur Leipziger Innenstadt.

 Propsteikirche St. Trinitatis in Leipzig

© Schulz und Schulz / Stefan Müller; Propsteikirche St. Trinitatis in Leipzig

 

Die Kirche überzeugt auch in puncto Nachhaltigkeit: PV-Anlagen und Erdwärme sorgen für ausreichend Energie. Die Innenräume sind schlicht gestaltet. Lediglich ein großes Holzkreuz an der Wand lenkt den Blick in Richtung Altar. Kunst und Baukörper bilden in diesem Gotteshaus eine Einheit: Das zeigt sich an den Kirchenfenstern, der Orgel und den liturgischen Orten, wie den Beichtstühlen oder dem Weihwasserbecken.

 

„Macht hoch die Tür“ in München

Die Herz-Jesu-Kirche in München wurde von den Architekten Allmann, Sattler und Wappner im Jahr 2000 fertiggestellt. Sie präsentiert sich als einfache Glasschachtel mit Holzkarton. Die doppelte Bauschale setzt sich aus einer Raum- und einer Außenhaut zusammen. Das spart nicht nur Energie, sondern schafft auch ein optimales Klima. Die kubische Form aus Ahornholz steht für Geborgenheit – ein zentrales Element in der Sakralarchitektur. Die schlichte Gestaltung im Inneren lässt Raum für übersinnliche Erfahrungen.

 

Modern ist an diesem Gottesgebäude nicht nur die Form, sondern auch die Technik: Die Front kann als riesige zweiflügelige Tür geöffnet werden und zeigt die Kirche als einen Ort des Willkommenseins. Nachts erstrahlt das Gebäude dank einer beeindruckenden Lichttechnik wie ein Kristall.

 

Herz Jesu Kirche in München

© Wikimedia Commons / Till Niermann; Herz Jesu Kirche in München

 

Sakralarchitektur als Spiegel der Zeit

Diese drei Beispiele zeigen, wie die traditionelle Symbolik von Kirchenbauten mit den Ansprüchen der Neuzeit in Einklang gebracht werden können. Ein reduzierter Baustil, eine klare Formensprache und nachhaltige Energiekonzepte schaffen kunstvolle Begegnungsräume voller Geborgenheit.

 

Historische Kirchengebäude erlangen dagegen manchmal eine neue Art der Nutzung. Welche Möglichkeiten es bereits gibt, erfahren Sie in unserem Beitrag „Neues Leben in alten Bauten“.


 

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