Moderne Backsteinarchitektur: Der Ziegelstein in neuem Gewand

1. Mai 2019

Seit dem Mittelalter ist Backstein als Baumaterial bekannt und beliebt. Nun zeigt der Baustoff seine moderne Seite: Dank neuartiger Herstellungsverfahren sind vielfältige Ausdrucksformen möglich. Darüber hinaus könnte das aufwendige Mauern bald der Vergangenheit angehören, denn eine innovative Baumethode ermöglicht die vollautomatische Fertigung von Backsteinwänden innerhalb einer Stunde.

 

Zeitlos, meisterhaft, recycelbar

Ein Backsteinhaus überzeugt nicht nur durch seine Beständigkeit, sondern auch durch seine zeitlose Ästhetik. Die gebrannten Ziegel aus Lehm oder Ton sind dabei das Ergebnis eines meisterhaften Handwerks, in dem viele Komponenten eine Rolle spielen:

 

  • die mineralische Zusammensetzung, etwa der Anteil an Eisen (rot) oder Kalk (gelb)
  • das Herstellungsverfahren: Stangenpressung, Wasserstrichverfahren oder Handschlagverfahren
  • der Brennvorgang: Feuer, Temperatur und Dauer
  • die Oberflächenbehandlung: bestrahlt, besandet oder mit genarbten Walzen bearbeitet
  • die Zusatzstoffe für neuartige Farben

 

Die einzelnen Steine können in verschiedenen Formaten gefertigt werden. In Kombination mit unterschiedlichen Mauerverbänden und Fugengestaltungen ergeben sich vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten für die Backsteinarchitektur – damals wie heute. Zudem punktet der Ziegel als witterungsbeständiges Baumaterial, Wärmespeicher und recyclefähiges Produkt. Viele Vorteile, die ein zeitgemäßes Wohnen ermöglichen, fernab von Beton, Stahl und Glas.

 

„Brick House“ – ein modernes Backsteinhaus mit Durchblick

Was bei diesem städtischen Wohnhaus des argentinischen Architekten Diego Arraigada¹ besonders hervorsticht, sind die Fassadendurchbrüche auf der Nordseite. Durch das Gittermuster dringt tagsüber viel Tageslicht ins Innere, abends leuchtet das Backsteinhaus wie eine Laterne.

 

Das Architekturbüro modellierte den Aufbau des Kreuzverbands digital. Dank eines speziellen Algorithmus konnte es ermitteln, wie viel Material minimal notwendig ist, um das Haus zu stabilisieren. Durch diese offene Gestaltung wirkt die kubische Grundform des Gebäudes sehr leicht. Auch im Inneren dominiert roter Backstein an Wänden und Decken – kombiniert mit Sichtbetonwänden.

 

Diese moderne Backsteinarchitektur schafft eine Verbindung zu den traditionellen Bauweisen der Stadt Rosario in Argentinien. Der Architekt nutzte dabei das lokale Fachwissen in der Ziegelherstellung. Entstanden ist ein Backstein, der tragende Struktur, Einfassung, Öffnung, Finish und Dekoration zugleich ist.

 

Parkhaus Katwolderplein: expressionistisch und nachhaltig

Seit 2017 dient das Parkhaus Katwolderplein als Brücke zwischen dem Stadtteil Kamperpoort und der Innenstadt von Zwolle in den Niederlanden. Der Entwurf stammt aus der Feder von Dok architects². Sie ließen sich dabei von einer Reise auf der Seidenstraße inspirieren, was sich in der asiatischen Ornamentik des beeindruckenden Backsteinbaus widerspiegelt. Scheinwerfer setzen die fünf verschiedenen Mauerverbände abends gekonnt in Szene.

 

Doch das Gebäude kann noch mehr: Es ist Parkhaus und E-Tankstelle in einem. In den sechs Geschossen finden bis zu 700 Autos Platz, auf dem Dach generieren 800 Quadratmeter Sonnenkollektoren den Strom für 28 E-Ladestationen. Der moderne Backsteinbau ist zudem mit Pflanzen begrünt und bietet Nistplätze für Schwalben und Fledermäuse. Unter anderem dank dieser Kriterien erfüllt das Gebäude den niederländischen BREEAM-Standard für Nachhaltigkeit – eine runde Sache also.

 

Maßgeschneiderte Backsteinwände aus der Fabrik

Nicht rund, sondern eckig sind die Backsteinwände, die das Schweizer Unternehmen Tripema AG dank eines innovativen Bauverfahrens seit über zehn Jahren maschinell mauert. Ein Roboter klebt in der Fabrik die einzelnen Ziegel mit einem speziellen Zweikomponentenkleber zusammen, eine große Maschine schichtet die Reihen übereinander. So entstehen vollautomatisch gefertigte Backsteinwände nach Maß. Ein Modul von 6 x 3 Metern dauert gerade einmal eine Stunde.

 
Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=EDGS-67OUdg

 

Die fertigen Wände werden anschließend per Lkw zur Baustelle gebracht und dort montiert. Die Bauzeiten vor Ort verringern sich dadurch erheblich. Darüber hinaus eröffnet das Verfahren Architekten und Planern unzählige neue Gestaltungsmöglichkeiten, wie beispielsweise abstrakte Muster und spektakuläre Fassaden-Effekte.

 

Modulares Bauen, ob aus Backstein oder anderen Materialien, wird in Zukunft eine immer größere Bedeutung erlangen, auch aufgrund der wachsenden Urbanisierung. Mehr dazu erfahren Sie in unserem Beitrag „Modulares Bauen – die multiplexe Mehrzweck-Lösung“.

 

¹ Diego Arraigada Arquitectos: http://diegoarraigada.com/es/

² Dok architects: https://dokarchitecten.nl/en


 

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