Doha – The place to build

6. Februar 2019

Wenn in einigen Hundert Jahren Historiker auf unsere Epoche zurückblicken werden, werden sie die Stadt Doha vermutlich als eines der Epizentren der heutigen/damaligen Weltwirtschaft identifizieren. Gäbe es nicht unser Überangebot an Unterhaltung und die einfache Möglichkeit, sich schnell ganz nüchtern über die Stadt zu informieren, hätte Doha darüber hinaus wohl schon heute das Zeug dazu, Gegenstand von Sagen und Legenden zu sein. Katars Hauptstadt ist nämlich vor allem eins: sagenhaft reich. Dieser Reichtum spiegelt sich unter anderem auch in einem Panoptikum der Weltarchitektur wider, welches Doha zu einer Stadt wie aus einem modernen Märchen aus tausendundeiner Nacht macht.

 

Die beeindruckende Skyline von Doha ist derzeit von zwei Dingen geprägt: Illustre Wolkenkratzer in den gewagtesten Formen – und Baukräne. Kaum eine andere Stadt zeigt sich mittlerweile so bauwütig wie die Metropole im Mittleren Osten. In Anbetracht der Fülle an prestigeträchtigen und lukrativen Großprojekten ist die Stadt längst zu einem Magneten des internationalen „Who‘s Who“ der Architektur avanciert. Und wie die unten aufgeführten Projekte zeigen, wird dort, wo Meister wirken, vieles zumindest außergewöhnlich.

 

Die Weite des Raums: Katars Nationalbibliothek von OMA

Ein wahres Schmuckstück, in dem sich der ganze Glanz der Stadt blendend widerspiegelt, ist die im Mai 2018 eröffnete Nationalbibliothek Katars. Das von OMA – dem Büro von Stararchitekt Rem Koolhaas – entworfene Gebäude ist äußerlich eine Skulptur zweier Platten mit geknickten Ecken, die gespiegelt aufeinanderliegen. Zwischen den Knicken erhebt sich eine Glasfassade aus hohen, schmalen Fenstern. Trotz der beachtlichen Länge von 138 Metern (so lang wie zwei Boeing 747) besteht die Bibliothek praktisch aus nur einem einzigen riesigen Raum, dessen Interieur größtenteils aus Marmor ist. Laut Koolhaas ging es bei dem Entwurf nicht um Großspurigkeit, sondern um größtmögliche Attraktivität.

 

Zwischen Wüste und Meer: Katars Nationalmuseum von Jean Nouvel

Rem Koolhaas ist längst nicht der einzige Pritzker-Preisträger, der sich in Doha in einem staatlichen Bauprojekt austoben durfte. So zeichnet etwa Jean Nouvel für das ebenfalls 2018 eröffnete Nationalmuseum Katars verantwortlich. Das langgezogene Gebäude setzt sich aus einer Reihe scheibenförmiger Volumen zusammen. Diese mit Glasfaserbeton ummantelten Stahlkonstruktionen sind den Blättern von Wüstenrosen nachempfunden. Dem Entwurf liegt der Gedanke zugrunde, die besondere Lage Katars zwischen Wüste und Meer hervorzuheben. Architektur und Konstruktion des Museums symbolisieren „die Mysterien der Konkretionen und Kristallisationen der Wüste“. Integriert wird dabei übrigens auch der historische Palast von Scheich Abdullah bin Jassim al Thani, welcher quasi als Hauptexponat fungiert.

 

Der Tradition verpflichtet: Museum für Islamische Kunst von I. M. Pei

Während sich in den beiden vorgenannten Beispielen zweifellos Dohas Modernität und technologischer Fortschritt widerspiegelt, ist das Museum für islamische Kunst hingegen eine Reminiszenz an traditionelle islamische Architektur. Der eigens für dieses Gebäude aus dem Ruhestand geholte, damals 91-jährige Pritzker-Preisträger Ieoh Ming Pei bereiste für den Entwurf ein halbes Jahr lang die islamische Welt und lernte deren Geschichte, Architektur und Schriften kennen. Anschließend hatte Pei klare Vorstellungen. So setzte er etwa durch, dass eigens für das Museum eine künstliche Insel geschaffen wurde. Als Herberge für Meisterwerke aus 14 Jahrhunderten stellt der Bau seit 2008 selbst eines der größten architektonischen Meisterwerke Dohas dar.

 

„Starfaktor“ als Chance für humanitäre Baustellen

Neben der allgemeinen Fülle an attraktiven Bauprojekten, insbesondere im Kultursektor, ist natürlich auch die FIFA WM 2022 in Katar, für welche allein in Doha drei neue Stadien gebaut werden, ein Verstärker der Bauaktivitäten mit hohem „Staraufkommen“. Derweilen blickt vor allem der Westen umso kritischer auf Dohas Baustellen, wo hauptsächlich Gastarbeiter zu Hungerlöhnen und teils unter lebensgefährlichen Bedingungen arbeiten.

 

Renommierte Architekten und Städteplaner, die an großen Bauprojekten auf katarischem Boden mitwirken, stehen daher oftmals für ihr Schaffen in der Kritik. Da die Welt umso genauer auf die prominenten Vertreter ihrer Zunft schaut, sollte diesen umso mehr daran gelegen sein, dass Bauarbeiter anständig behandelt und entlohnt werden. In diesem Sinne könnte der starke „Starfaktor“ auch ein Impuls für Verbesserungen auf dieser humanitären Baustelle sein.


 

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