Ästhetisch umstritten aber historisch wertvoll: 3 architektonische Kulturdenkmäler

14. September 2018

Der Denkmalschutz stellt Bauherren und Architekten immer wieder vor große Herausforderungen. Sie sehen sich einer Reihe von Auflagen gegenüber, die sie während der Sanierung eines Gebäudes erfüllen müssen. Dabei werden insbesondere unter Denkmalschutz stehende Bauwerke der Nachkriegszeit kontrovers diskutiert. Die einen sprechen von „hässlicher Architektur“ und „ästhetischen Fehlgriffen“, die anderen von der geschichtlichen, künstlerischen, wissenschaftlichen oder städtebaulichen Bedeutung eines solchen Objekts. In diesem Beitrag stellen wir Ihnen drei dieser Bauwerke vor.

 

Grindelhochhäuser Hamburg-Eimsbüttel

© Wikimedia Commons / Ajepbah [C BY-SA 3.0 de]; Grindelhochhäuser Hamburg-Eimsbüttel

 

Grindelhochhäuser in Hamburg

Dort, wo heute die zwölf Grindelhochhäuser stehen, befanden sich früher schicke Villen im Gründerzeitstil. Sie wurden jedoch während der Bombardierung Hamburgs im Jahr 1943 zerstört. Die englischen Besatzer wollten nach dem Krieg auf dem Gebiet im Stadtteil Eimsbüttel ein Wohnquartier für Offiziere in einem modernen Stil errichten. Dafür wählten sie eine Gruppe junger, politisch unbelasteter Architekten aus, die stark von Le Corbusier beeinflusst waren.

 

Der Bau der ersten Hochhaussiedlung der jungen Bundesrepublik Deutschland zog sich einige Jahre hin und war bereits damals heiß diskutiert. Schließlich entstanden zwölf Wohnblocks, sechs davon mit einer Höhe von über 40 Metern. Die Architekten entschieden sich nicht für den typischen Hamburger Backstein, sondern einen mattgelben Klinker. Das Material sowie die unterschiedliche Fassadengestaltung in einer achtsymmetrischen Anordnung verleihen dem Gebäudekomplex eine gewisse Leichtigkeit. Seit 1999 steht die Grindelsiedlung unter Denkmalschutz, da sie den modernen Aufbruch in eine neue Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg symbolisiert.

 

Städtische Galerie KUBUS in Hannover

Auch in Hannover steht ein Gebäude der Nachkriegszeit, das die Diskussionen um den Schutz von Kulturdenkmälern immer wieder anheizt. Es geht um die Städtische Galerie KUBUS. Sie wurde von dem eher unbekannten Architekten Alfred Müller-Hoeppe zwischen 1962 und 1965 mitten in der Altstadt errichtet. Der kubusförmige Betonblock steht auf einem verglasten Sockel und scheint in der Luft zu schweben. Die Fassade besteht aus geschliffenen, quadratischen Betonplatten – genau wie bei der nebenan liegenden Volkshochschule. Highlight des Gebäudes ist die riesige Plastik „Stahlrelief“ des bekannten Bildhauers Erich Hauser an der Nordseite.

 

Städtische Galerie KUBUS Hannover

© Wikimedia Commons / ChristianSchd [CC BY-SA 4.0]; Städtische Galerie KUBUS Hannover

 

Im Zuge der Neugestaltung des Stadtzentrums im Jahr 2010 sollte die Galerie abgerissen werden – heftige Kritik aus der Kulturszene Hannovers hatte dies jedoch verhindern können. Für Kulturwissenschaftler Thomas Kaestle ist der KUBUS die „nach außen gestülpte Behauptung der Autonomie“, eine „sehr geeignete Form für eine Kunstgalerie“ und verdient deshalb Denkmalschutz.

 

Hauptpost in Marburg 

Ein Verwaltungsgebäude, das den Rohstoff Beton in aller Wucht zeigt, ist die Hauptpost in Marburg. Sie stammt von dem Architekten Johannes Möhrle (1931-2017) und wurde 1976 eröffnet. Seit 2007 steht sie unter Denkmalschutz. Grund dafür ist ihre beispielhafte Architektur im Stil des Brutalismus. Der Begriff geht auf Le Corbusier und seine Idee des „béton brut“ zurück, des ungeschönten, rauen Sichtbetons.

Die Bauweise entspricht den Zweckbauten der Zeit, die sich wiederum auf das Bauhaus und die Neue Sachlichkeit der 1920er Jahre berufen. Möhrle schaffte es, das Gebäude optisch aufzulockern und gut in die Umgebung einzugliedern, indem er die Baumassen differenzierte und variierte. Umlaufende Fensterbänder und Vorsprünge kennzeichnen den Stahlbetonskelettbau, der nun zum Baudenkmal geworden ist.

 

Hauptpost Marburg

© Wikimedia Commons / Hydro [CC BY-SA 4.0]; Hauptpost Marburg

 

Einzigartig (un)schön und historisch bedeutend

Die Kontroversen zur Architektur der Nachkriegszeit sind deshalb so hitzig, weil Menschen die Kunst der eben vergangenen Epoche oftmals als negativ und nicht mehr zeitgemäß ansehen. Je älter ein Gebäude ist, umso leichter fällt daher der Denkmalschutz. Aus heutiger Sicht mögen diese Kulturdenkmäler ästhetisch unschön erscheinen. Sie haben jedoch einen historischen, künstlerischen und städtebaulichen Wert als beispielhafte Bauwerke ihrer Zeit.

 

In unserem Beitrag „Brutalismus: Revival einer rauen Schönheit“ erfahren Sie noch mehr über die Charakteristika dieser Architekturströmung der 1960er und 1970er Jahre und ihre moderne Rezeption.


 

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