Gedenkstätten – Wenn Vergangenheit sichtbar wird

23. Januar 2020

An der Architektur von Gedenkstätten scheiden sich häufig die Geister. Zu groß, zu teuer, zu düster, zu kalt – kritische Töne gibt es fast immer. Unsere drei Beispiele zeigen ganz unterschiedliche Wege, mit dem emotionalen Thema „Gedenkstätte“ umzugehen. 


Ein Raum für die Zahllosen – die Memorial Hall of Israel’s Fallen in Jerusalem

Der „Mount Herzl“ in Jerusalem ist ein gedenkträchtiger Ort, hier gibt es eine einzigartige Ansammlung von Mahnmalen. Gleich neben dem Soldatenfriedhof und in der Nähe der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem liegt die 2017 erbaute Memorial Hall of Israel’s Fallen. Die Denkmal-Architektur für Israels gefallene Soldaten ist beeindruckend. Das ovale Gebäude hat drei Stockwerke – verbindendes Element über die gesamte Höhe ist eine Mauer aus 23.000 Ziegeln. In jeden der Steine ist der Name eines Soldaten hineingraviert. Besucher können entlang der Mauer an einer Rampe durch das teilweise unterirdische Gebäude nach oben flanieren.

 

Augenfälligstes Merkmal der Gedenkstätte ist ein schwungvoll gestalteter Trichter, der ebenfalls aus Steinen gearbeitet zu sein scheint. Die ursprünglich geplanten Betonquader widersprachen jedoch den Bauvorschriften und so musste sich das Architekturbüro Kimmel Eshkolot1 aus Tel Aviv etwas einfallen lassen. Die Lösung: Aluminiumblöcke, die mit Zement verkleidet wurden, sorgen für die nötige Leichtigkeit und zugleich für die steinerne Optik. Der Steintrichter scheint sich in den Himmel zu schwingen und bleibt oben offen. Das einströmende Licht macht die Gedenkstätte stimmungsvoll und nimmt dem Thema etwas von seiner bedrückenden Schwere. Das Projekt wurde 2018 mit dem RIBA Award for National Excellence als eines der besten 20 Gebäude der Welt ausgezeichnet.

 

Sachlicher Ort des Gedenkens – der „Raum der Information“ in Berlin

„Raum der Information“ – das klingt kühl und nicht gerade pathetisch. Tatsächlich hat man sich bei der Gedenkstätte für die Bundeswehr in Berlin für eine rationale Gestaltung entschieden, sowohl in der inhaltlichen Konzeption als auch in der Denkmal-Architektur. Der „Raum der Information“2 ist als Ergänzung zu dem unweit errichteten Ehrenmal zu verstehen. Er dient eher der Wissensvermittlung als dem emotionalen Erinnern. Entsprechend geradlinig ist die Architektur. Sichtbeton und Eichenfurnierholz sind die dominierenden Materialien.

 

Das Sheddach aus transluzenten Glasscheiben nutzt Tageslicht und sorgt zusätzlich durch eingelassene LED-Beleuchtung für eine helle, klare Atmosphäre. So kommt der Raum, mit Ausnahme der automatisch gesteuerten Fensterklappen an den Seiten, ohne Fenster aus. Und: Ohne Heizung. Bewusst sollten der „Raum der Information“ und das offene Ehrenmal auf Behaglichkeit verzichten. In der Regel ist das neben dem Verteidigungsministerium gelegene Gebäude frei zugänglich, Besucher öffnen die großen Bronzetore und können im Innern verschiedenen Filmen auf Monitoren oder Geschichten an Hörstationen folgen. Glasschaukästen runden die mediale Vielfalt ab.

 

Bau- oder Kunstwerk? Das Holocaust-Mahnmal in Ottawa

Ganz in der Nähe des Canadian War Museum in Ottawa liegt das 2018 erbaute Holocaust-Mahnmal des Studio Libeskind. Nimmt der Besucher, der zu Fuß durch zerklüftete Betonwände hindurchgeht, vor allem ein Labyrinth wahr, erkennt die Drohne oder der Hubschrauber die ganze Klugheit der Denkmal-Architektur. Die Gedenkstätte erinnert von oben nicht nur an den jüdischen Davidstern, sondern auch an das Dreieck, mit dem andere Minderheiten im Dritten Reich gebrandmarkt wurden.

 

Inmitten des Ensembles befindet sich der sogenannte Sky Void, ein nach oben offener, dreieckiger Turm. Hier ist die Bodenperspektive spannend – der Himmel wirkt wie der einzige Ausweg. Auf den Betonwänden zeigen schwarze, fotorealistische Wandmalereien verschiedene Schauplätze von Nazi-Verbrechen. Insgesamt 2.000 Quadratmeter groß ist die Anlage, die eine unpathetische Atmosphäre ausstrahlt, aber ihre emotionale Wirkung nicht verfehlt.

 

 

Eine weitere spannende Gedenkstätte entdecken Sie in unserem Beitrag über das Einheitsdenkmal in Berlin.

 

1 Kimmel Eshkolot Architects: http://www.kimmel.co.il

2 TRU ARCHITEKTEN: http://www.truarchitekten.de


 

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