Der BIM-Missionar: André Pilling (DEUBIM)

24. Juni 2020

Im Gespräch erzählt der Architekt und Unternehmer André Pilling unter anderem, warum er DEUBIM gegründet hat, wo BIM-Ausbildung und -Praxis stehen und warum der Mittelstand BIM braucht.

 

Herr Pilling, wieso haben Sie sich dazu entschlossen, neben ihrem Architekturbüro POS4 Architekten die Unternehmensberatung DEUBIM zu gründen?

Weil mein umfassendes Praxiswissen und Know-how zur großen Bandbreite von BIM – auch lebenszyklusübergreifend gesehen – etwas ist, das ich nicht bloß als Planer in einem Projekt einbringen wollte. Mir war es wichtiger, diesen großen Fokus allen zur Verfügung zu stellen. Deshalb habe ich die Unternehmensberatung aufgesetzt, wo wir BIM in Unternehmen und Projekten implementieren. Bei DEUBIM übernehmen wir auch das Informationsmanagement und überwachen sozusagen den Informationshaushalt.

 

Und dann auch noch die Gründung der EDUBIM Akademie!

(lacht) Ja, also wenn ich BIM irgendwo implementiere, gehören dazu die notwendigen Kompetenzen, deshalb gab es bei der DEUBIM eigentlich schon von der ersten Stunde an eine Akademie. In der Zusammenarbeit mit Thomas Liebig von AEC3 entwickelten wir bereits 2014 ein interdisziplinäres Training.

 

Die Grundfrage lautete: Wie kann ich BIM anwenden? Es hilft mir im Unternehmen nicht, wenn ich „allein im Sandkasten sitze“ und keiner spielt mit mir. Insofern setzen wir auf interdisziplinäre Trainings – bei EDUBIM mit Fokus auf das Planen, Bauen und Betreiben als Handlungsschwerpunkt. Außerdem ist bei uns eine Zertifizierung möglich. Das heißt, die VDI/ buildingSMART Zertifizierung kann bei uns absolviert werden, auch orts- und zeitunabhängig im E-Learning.

 

Wenn Sie so viel in der Weiterbildung tätig sind, wie sehen Sie dann den Stand von BIM-Anwendungen in der Praxis?

Es sind schon Anwender da, die sich in die Tiefe professionalisiert haben, aber wir sprechen hier von Spitzen. Die Masse ist immer noch nicht auf einem Stand, dass man sagen kann: BIM-Basics sind etabliert. Wir philosophieren zum Beispiel immer noch darüber, was ein CDE (Common Data Environment) oder ein LOIN (level of information need) ist. Und für viele ist ein 3D-Architekturmodell schon BIM.

 

Insofern würde ich mir wünschen, dass wir schneller zu einem fundierten Wissen gelangt wären. Jetzt haben wir im Infrastrukturbereich seit Anfang 2020 die Auflage, dass man BIM anwenden muss. Wir sind aber derzeit immer noch bei ganz vielen Generalunternehmen im Einsatz, um überhaupt dieses Basiswissen einzuführen. Wir haben zwar Koryphäen und Spitzenwissen, aber auf Einzelpersonen, auf einzelne Abteilungen gesehen, fehlt noch einiges zum Professional, und hier ist die Aufgabe, ein Fundament zu schaffen.

 

Man liest in der Branchenpresse oft, dass wir beim Einsatz von BIM in Deutschland hinten dran sind. Stimmen Sie mit dieser Aussage überein?

Nein, überhaupt gar nicht, das sieht nur oberflächlich so aus. Zum Thema Wissen beispielweise: Es ist inzwischen international standardisiert worden, was BIM-Kompetenzen sind. Und wir in Deutschland sind die ersten, die das Professional Certification Programm gestartet haben.

 

In Deutschland haben wir ein Faible für Standards. DIN-Normen liegen uns …

Richtig und deswegen sind wir sicherlich nicht schlechter als andere Länder, eher im Gegenteil. Wenn wir einen Blick auf andere werfen, dann kann man dort Software von oben nach unten, von rechts nach links anwenden; da fehlt es aber an Prozesswissen. Es bringt uns auch nicht weiter, über das BIM-Projekt zu sprechen, sondern über BIM-Anwendungen und wie die einzelnen Anwendungsfälle sinnvoll in einem Projekt eingesetzt werden. Das ist eine strategische Aufgabenstellung. Und dazu wird eine Methodenkompetenz, nicht eine Softwarekompetenz benötigt.

 

Derzeit befinden wir uns in einer Phase, in der wir noch viel Basiswissen aufbauen. Das ist die Vorstufe für das Prozesswissen, ob zum Erlangen eines BIM-Ziels, genau diese Autorensoftware, diese 4D-Simulationssoftware oder der Modell-Checker benötigt wird.

 

Bei EDUBIM missionieren Sie also BIM-Wissen?

Ja, und das mit viel Herzblut. Ein weiteres Thema liegt mir ebenfalls am Herzen – und zwar openBIM. Ich komme aus dem Mittelstand, und gerade für mittelständische Unternehmen sind Umstellungen schwierig. Wir können nicht alle die aktuelle Software über Bord werfen, sondern müssen natürlich mit der Software weiterarbeiten, die bereits im Einsatz ist. Insofern ist openBIM für mich auch ein Erfolgsfaktor und wird ja auch von der Politik gestützt.

 

Der Mittelstand braucht BIM-Lösungen, und openBIM steht bei unserer Arbeit auch immer groß im Fokus – in der Ausbildung bei der EDUBIM, in der Anwendung bei den POS4 Architekten und auch in der Beratung bei der DEUBIM. Wir durften ja auch den BIM-Mittelstandsleitfaden des BBSR mitbegleiten. Dort wurde anhand eines realen Projektes – das wir auch selbst geplant hatten – aufgezeigt, wie BIM über verschiedene Anwendungsfälle vom Bauherren, vom Planer und auch vom Bauausführenden, angewandt wurde und wie ein solches Projekt aufgesetzt werden kann.

 

Letzte Frage: Haben Sie einen Wunsch an die Politik?

Mein Wunsch an die Politik ist: Bitte nehmen Sie den Mittelstand mit und greifen Sie das Thema Fort- und Weiterbildung und Qualifizierung auf. Das ist da und formuliert, aber das muss einfach auch in die Ausschreibung des Bundes aufgenommen werden. Wir haben komplett funktionierende Ausbildungs- und Qualifizierungsprogramme, die international etabliert sind. Wenn in China BIM ausgeschrieben wird oder auch in der Schweiz, dann wird die Qualifizierung nach buildingSMART von den Projektanten eingefordert. Warum hat der Bund noch kein Verfahren, oder will sich international abkoppeln? Man sollte jetzt einfach aufgreifen, was da ist, und am Ball bleiben.


 

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