Umbau statt Abriss: 3 intelligente Konzepte für bezahlbaren Wohnraum

7. Januar 2020

Jeder kennt sie – die ungeliebten Betonghettos, die weltweit in den 60er- und 70er-Jahren gebaut wurden, um die Wohnungsnot einzudämmen, und heute nur noch für den Abriss zu taugen scheinen. Bei der aktuellen Debatte um bezahlbaren Wohnraum geraten die Betonriesen jetzt wieder ins Blickfeld. Wir zeigen erfolgreiche Beispiele für ihre Verwandlung in sozialverträglichen Wohnraum nach dem Motto “Transformation statt Abriss”.


„Never Demolish!“ war der Titel einer Ausstellung der AIT im März 2018 anlässlich des Symposiums „Bezahlbar besser wohnen. Transformation im urbanen Kontext“. Im Fokus der Vorträge im AIT-Architektursalon stand die Schaffung von architektonisch hochwertigem und bezahlbarem Wohnraum durch Sanierungsmaßnahmen. Niemanden überraschte es, dass unter den vorgestellten Projekten die „Cité du Grand Parc“ war - die Transformation dreier 60er Jahre-Hochhausblöcke durch die Architekten Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal.

 

Pioniere der Transformation: Lacaton & Vassal

Bereits 2004 hatten Lacaton und Vassal zusammen mit Frédéric Druot mit ihrer Studie PLUS Aufsehen erregt. Deren Fazit: Abriss und Neubau führten immer mehr zu Entmietungen, Mieterhöhung und sogar zu deutlich höheren Baukosten. Für das gleiche Geld, das Abriss und Neubau eines einzigen Apartments kosten würden, könnten drei bis vier bestehende Wohnungen modernisiert und erweitert werden. Man könne die ungeliebten Betonriesen mit wenigen Maßnahmen zeitgemäß umbauen. „Alles ist besser als die Tabula rasa“ könnte man die Thesen der Architekten zusammenfassen.

 

Architektonische und energetische Aufwertung

Mit ihrer Sanierung des Tour Bois le Prêtre im Jahr 2011, einem Wohnhochhaus mit 100 Sozialwohnungen am Stadtrand von Paris, belegten Lacaton & Vassal zusammen mit Frédéric Druot erstmals ihre Studie in der Praxis: Die Kosten für Abriss und Neubau wären mit 20 Millionen Euro fast doppelt so hoch wie die tatsächlichen Baukosten gewesen. Zudem schafften die Architekten es, Licht, Weite, Freiheit und Schönheit in die Wohnungen zu bringen. Mit vorgesetzten Wintergärten und Balkonen vergrößerten sie die Wohnungen und senkten den Energiebedarf. Die Mieten blieben dennoch unverändert niedrig.

 

Ihr Projekt Cité du Grand Parc 2011 in Bordeaux war abermals ein Erfolg des transformativen Wohnungsbaus. 530 Wohnungen wurden architektonisch und energetisch aufgewertet, indem 1200 vorgefertigte Betonmodule angedockt wurden. Die neue Raumschicht aus vollverglasten Wintergärten und Balkonen mit Schiebeelementen erreicht als Klimapuffer Dämmwerte wie ein 17 Zentimeter dickes WDV-System. Die Bordelaiser Wohnungsgesellschaft Aquitanis erwies sich als verlässliche Verbündete der Architekten.

 

Bezahlbarer Wohnraum in Kleiburg

Ein weiteres Leuchtturmprojekt der Transformation ist die Sanierung des Kleiburg-Hochhauses, eines 400 Meter langen s-förmigen Riegels im Amsterdamer Problembezirk Bijlmermeer. Kondor Wessels Vastgoed beauftragte die Arbeitsgemeinschaft NL Architects und XVW architectuur mit der Sanierung.

 

Die Strategie bestand aus minimalen, aber gezielten Veränderungen der Fassade, kombiniert mit einer Entrümpelung und Flexibilisierung der Grundrisse. Das ermöglichte ein großes Spektrum an Wohnkonzepten, von standardisierten Kleinwohnungen über Lofts bis zu Wohnbüros. Die Mieter und Interessenten konnten die Wohnungen für nur 1.200 Euro je Quadratmeter erwerben. Das Projekt wurde mit dem Mies van der Rohe Award 2017 ausgezeichnet. „Kleiburg hilft uns, eine neue Art von Architektur vorzustellen, die auf wandelnde Haushaltsformen und Lebensstile im einundzwanzigsten Jahrhundert reagiert“, so die Jury.

 

„Agora Wohnen und CELab“ in Berlin

Auch in Deutschland gibt es Lösungsansätze für sozial verträglichen Wohnungsbau. Im AIT-ArchitekturSalon stellten Nanni Grau und Frank Schönert von „Hütten und Paläste“ ihr Transformationsprojekt „Agora Wohnen und CELab“ vor. Auf dem Areal der früheren Kindl-Brauerei in Neukölln soll eine historische Lagerhalle als Kultur- und Gewerbestandort gesichert werden, zudem ist eine modulare Aufstockung mit Wohnungen geplant. Die Sanierung ist Teil der Gesamtprojektentwicklung des „Circular Economy Lab”1: „Das CELab ist ein offener, experimenteller Raum für lokale Produktionssysteme, kollaborative Arbeitsweisen, smarte Nutzungen von Ressourcen sowie zirkuläre Geschäftsmodelle“, heißt es. Das Projekt wird vom Berliner Senat gefördert.

 

Deutlich wurde bei dem AIT-Symposium, dass Partizipation oder Gemeinschaftseinrichtungen gut mit Energieeffizienz und Bezahlbarkeit vereinbar sind. Tenor: der Verzicht auf die Abrissbirne ist im Wohnungsbau absolut sinnvoll. Voraussetzung ist allerdings die Rückendeckung durch solide Partner und Wohnungsgesellschaften mit Mut zu neuen Konzepten.

 

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1 https://crclr.org/


 

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