Es lebt! Mitwachsende Häuser in der Baubotanik

18. Januar 2018

Normalerweise verwenden Architekten und Ingenieure für ihre Bauwerke „tote“ Materialien wie Stahl, Beton oder Glas. Damit entstehen statische Strukturen. Die Baubotanik verfolgt dagegen einen anderen Ansatz: Sie verbindet lebende mit nicht-lebenden Konstruktionselementen. Bei einigen Projekten übernehmen die immer stärker werdenden Pflanzen im Laufe der Zeit sogar die Lasten der Anlage. Dabei ist die Idee an sich nicht neu. In diesem Beitrag erfahren Sie, welche Geschichte und Vision hinter der Baubotanik steckt und welche konkreten Anwendungsbeispiele es bereits gibt.

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© Ludwig Schönle; Wettbewerbsbeitrag "Haus der Zukunft Berlin"

 

Forschungsgebiet mit langer Geschichte

Die moderne Baubotanik existiert in Deutschland seit 2007 als interdisziplinäres Forschungsgebiet. Bis Anfang 2017 arbeitete das Forschernetzwerk an der Universität Stuttgart, genauer gesagt am Institut Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen (IGMA). Im Sommer 2017 ist es an die Fakultät für Architektur der Technischen Universität München umgezogen. Hier entwickeln Architekten, Ingenieure, Geisteswissenschaftler und Naturwissenschaftler gemeinsame Projekte, bei denen Pflanzen als grundlegende Bestandteile von Bauwerken eingesetzt werden.

 

Im Laufe der vergangenen Jahrhunderte gab es zahlreiche Beispiele, bei denen Menschen lebende Pflanzen als Konstruktionsteile verwendet haben. Ein Volksstamm im indischen Regenwald nutzt beispielsweise noch immer die Luftwurzeln von Gummibäumen. Dank einer speziellen Technik lassen sie daraus über die Jahre eine stabile netzartige Brückenstruktur entstehen, die Flüsse oder Täler überspannt. In Europa sind die Tanzlinden ein solches Beispiel: Hölzerne Podeste in der Baumkrone von Linden, die noch heute zu Volksfesten genutzt werden, etwa im oberfränkischen Limmersdorf.

 

Vision eines Urban Designs

Der Wunsch nach einer „Verlebendigung der Architektur“ besteht also schon sehr lange. Einer der federführenden Wissenschaftler der Baubotanik, Professor Ferdinand Ludwig, verfolgt mit diesem Ansatz die Vision, eines Tages in Baumkronen auf 25 Metern Höhe wohnen zu können. Die zunehmende Verstädterung lässt Wohnraum in den Metropolen knapp werden. Deswegen liegt dieser Disziplin auch eine moderne Vision des Städtebaus zugrunde. Ihre Vertreter stellen sich die Frage, wie großvolumige grüne Lungen auf kleinstem Raum entstehen können.

 

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Prozessuale Vorgehensweise für Architektur und Natur

Baubotanische Projekte stellen bei der Planung andere Anforderungen als klassische Gebäude. Das Bauen und die Nutzung müssen als Prozess verstanden werden. Letztgenannte ist von den Wachstumsstadien der gewählten Pflanzen abhängig – das sind zumeist Bäume. Darüber hinaus spielt die Verbindung von statischen Notwendigkeiten einerseits und ästhetischen Möglichkeiten der Pflanzen andererseits eine große Rolle. Die konstruktiven Vorstellungen orientieren sich an den Gesetzmäßigkeiten des pflanzlichen Wachstums. Zu Beginn steht also eine Konfiguration, die sich nach und nach entwickelt.

 

Die Bäume, beispielsweise Weiden oder Platanen, erfordern außerdem zeitlebens eine gärtnerische Pflege. Insbesondere in den ersten zwei Jahren nach ihrer Anpflanzung müssen sie regelmäßig gegossen und beschnitten werden.


Pavillion Nagold

© Nicolás Boullosa / Flickr; https://www.flickr.com/photos/faircompanies/30735345066/; Platanenkubus Nagold

 

Vor- und Nachteile der baubotanischen Projekte

Wie bei anderen Formen nachhaltigen Bauens, beispielsweise bei begrünten Fassaden, tragen die Pflanzen zur Luftreinigung bei. Zudem liefern die Blätter an warmen Tagen Schatten. Die Experten sprechen bei baubotanischen Bauwerken von einer „autobiografischen Formfindung“, denn die Entwicklung kann nicht vollkommen vorausgesehen werden. Äußere Faktoren wie Schädlingsbefall, Boden, Klima und Umgebung beeinflussen das Bauwerk über Jahre.

 

Bauwerke der Baubotanik: eine Auswahl

In den letzten Jahren entstanden in ganz Deutschland einige interessante Bauwerke, insbesondere auf Initiative des IGMA. Zwei der ersten Projekte waren ein Steg sowie ein Turm aus Weidenruten im Park „Neue Kunst am Ried“ in Baden-Württemberg.

 

Im Jahr 2012 konzipierten Ferdinand Ludwig und Daniel Schöne den Platanenenkubus Nagold, der im Rahmen der damaligen Landesgartenschau errichtet wurde.

 

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© Ludwig Schönle; Platanenkubus Nagold 

 

Baubotanik greift aktuelle Fragestellungen auf

Der Ansatz der Baubotanik ist spannend, denn die Disziplin greift damit indirekt die Themen der heutigen Zeit auf: Klimawandel, Verstädterung und Ressourcenknappheit. Sie setzt auf ein ökologisches Material: Holz. Ein ähnlich nachhaltiger Baustoff sind Myzelien. Erfahren Sie mehr darüber in unserem Beitrag „Myzelien: Architektur aus Pilzen“.

 


 

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