Wie E-Mobilität die Architektur moderner Tankstellen verändert

13. Februar 2019

E-Autos sind auf deutschen Straßen noch die Ausnahme – ihre Zahl liegt im unteren einstelligen Prozentbereich. Trotzdem überlegen Mineralölkonzerne, Stadtwerke und private Unternehmen bereits jetzt, wie die neuen Mobilitätskonzepte die Tankstellenarchitektur verändern werden. Die langen Ladezeiten sind eine der großen Herausforderungen, wofür sie Lösungen finden müssen. Wie das praktisch aussehen kann, zeigen zwei moderne E-Tankstellen in Deutschland und Österreich, die wir Ihnen in diesem Beitrag vorstellen.

 

Moderne Tankstellen als Dienstleistungsgeschäfte

Die erste grundlegende Problematik bei E-Autos ist die lange Ladezeit, die je nach Modell und Ladegerät zwischen einer und mehreren Stunden liegen kann. Hier bieten sich zwei Lösungen an:

 

  • mehr Parkflächen an den Tankstellen, um mehr Kunden in derselben Zeit bedienen zu können,
  • effizientere Ladesysteme, die ein Schnellladen innerhalb von wenigen Minuten ermöglichen.

Erste erfordert mehr Grundfläche, an der zweiten Lösung arbeiten bereits verschiedene Batteriehersteller. Für die erforderlichen Kapazitäten müssen die E-Tankstellen zudem an das Mittelstromnetz angeschlossen sein. Denn nur, wenn eine funktionierende Infrastruktur von Stromtankstellen gegeben ist, kann langfristig die Akzeptanz für E-Mobilität in der Bevölkerung steigen.

 

Die zweite grundlegende Frage, die die Gemüter bewegt: Was sollen die Tankstellenkunden tun, während ihr Fahrzeug am Strom hängt? Die Antwort: Dienstleistungen nutzen. Die moderne Tankstelle wird Mini-Supermarkt, Kaffeebar und Packstation in einem. Einige Unternehmen planen sogar ganze Fitness- und Gemeinschaftsparks rund um die Stromtankstellen. Das verändert auch die Tankstellenarchitektur, denn es erfordert einen gänzlich anderen Ansatz in Planung, Konstruktion und Nutzung.

 

Hochmodernes Versuchslabor: Der Sortimo Innovationspark Zusmarshausen

Mehr als nur eine E-Tankstelle gibt es bald an der A9 zwischen Augsburg und Ulm. Der Fahrzeugausstatter Sortimo errichtet dort einen Innovationspark für moderne Tankstellenarchitektur.

 

An 144 Ladestationen können Autos Strom tanken, der aus regionalen erneuerbaren Energiequellen stammt. Die Ladezeiten variieren zwischen zehn und 60 Minuten. Mittels einer App sollen die einfahrenden Autos automatisch erkannt werden, so dass der Fahrende direkt zur korrekten Ladesäule geführt wird.

Während der Wartezeit können die Kunden Geschäfts- und Büroräume anmieten, einkaufen gehen oder im Restaurant verweilen – alles innerhalb desselben Gebäudekomplexes. Die Bauherren gehen mit diesem Ansatz der Frage nach, wie sich die Zeit an der Tankstelle sinnvoll nutzen lässt.

 

Die Fertigstellung des ersten Abschnitts ist für Ende 2019 geplant. Die Kosten hierfür belaufen sich auf einen zweistelligen Millionenbetrag. Die neue E-Tankstelle wird sich in geschwungenen Formen präsentieren, mit einer Farbgebung in Grün und Weiß sowie in Glas und Holz als vorrangigen Baumaterialien. Später folgen zwei Forschungs- und Innovationszentren.

 

Grüner Strom von der E-Tankstelle: Der Tower of Power in Wien

Seit 2016 steht im Wiener Stadtteil Brigittenau eine moderne Tankstelle mit Ladestationen für vier E-Bikes und vier Pkw. Das komplett energieautarke Projekt entstand aus einer Zusammenarbeit zwischen den Kursteilnehmern des BFI Wien – eines Weiterbildungsanbieters – und führenden Unternehmen der E-Mobilitätswirtschaft. Gemeinsam mit dem Wiener Büro göbl architektur ZT entwickelten sie die Stromtankstelle als Lehr- und Forschungsobjekt. Die Schulungsteilnehmer unterstützten bereits bei der Planung und beim Bau. In Zukunft soll der Ort als Ausbildungsstätte in den Bereichen Elektrotechnik, Windkraft, KFZ-Mechatronik und Green-Jobs dienen.

 

Die Anlage setzt sich aus einem Sheddach und einem Turm zusammen. Für die Konstruktion verwendeten die Planer Stahl und Aluminiumpaneele. Auf dem Dach ist eine Photovoltaikanlage montiert, der Turm beherbergt eine kleine Windturbine. Beide zusammen erzeugen den notwendigen Strom für den Betrieb der E-Tankstelle. Überschüssige Kapazitäten fließen direkt ins Wiener Stromnetz, bei Bedarf kann Strom gezogen werden. Die Ladestationen befinden sich unterhalb des Daches und sollen alle aktuellen E-Autos und E-Fahrräder des Gebiets versorgen. Dies war die Vision der Studenten und sie ist Realität geworden.

 

Alles nur heiße Luft?

Diese neuen Konzepte für eine moderne Tankstellenarchitektur befinden sich derzeit noch in der Versuchsphase, denn viele Punkte bleiben offen, beispielsweise: Wie und wie schnell wird sich die E-Mobilität in Zukunft entwickeln? Wollen Kunden wirklich mehr Zeit an Stromtankstellen verbringen oder lieber in kurzer Zeit von A nach B gelangen? Die nächsten Jahre werden Gewissheit bringen. Falls es zu Platzproblemen kommen sollte, wären E-Tankstellen, die in die Höhe wachsen, eine Lösung.


 

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